Vor 2 Jahren hat alles angefangen: Die erste
Fahrradsternfahrt mit Mathias und Mathias. Von Potsdam aus. War ganz cool mal
mit dem Rad über die Avus zu sausen, aber da geht doch noch mehr, oder? 2018
von Brandenburg (Stadt) nach Berlin und zurück nach Potsdam. Ab Ketzin hatte es
heftig geregnet. Wir haben uns im Laufe des Tages trocken gefahren und sind
letztendlich bei strahlendem Sonnenschein am Großen Stern angekommen. Aber da
geht doch noch mehr, oder? Die Leidenschaft war geweckt und so hieß das nächste
große Ziel, das mir von da an im Kopf herumspukte: Die Nachtfahrt von Stettin!
Schon die Anreise ist ein Erlebnis für sich: Von Berlin aus fahren
einige Radler mit dem Zug. Bei jedem Umstieg werden es mehr und so wollen in
Angermünde bestimmt 35 Reisende mit Rad in die Bahn. Angeblich ist vom ADFC bei
der DB auch gemeldet, dass für diese Verbindung zahlreiche Radfahrer erwartet
werden. Umso mehr verwundert es, dass genau dieses Regionalbimmelbähnchen
ausnahmsweise nur mit einem statt mit 2 Triebwagen verkehrt. Was bleibt, sind 5
Sternfahrer in Angermünde, deren Räder absolut nicht mehr in den Zug passen,
und folgende Erkenntnisse: Erstens: Man kann in einem Zug, in dem normalerweise
mehr als 3 Fahrräder als Problem gehandhabt werden, mit viel gutem Willen und
etwas Geschick auch mal 30 Räder unterbringen. Und zweitens sind die Menschen
doch oft freundlicher als man denkt: Die zunächst etwas muffelige
Zugbegleiterin stellte sich schließlich als sehr hilfsbereit heraus, als sie
den guten Willen von allen Seiten erkannte (Fluchtwege möglichst irgendwie noch
erkennbar frei lassen, dafür durften dann auch ein paar Räder in Richtung der
1-Klasse-Abteilung abgestellt werden). In ihrem Fall hatte sie halt einfach das
Pech, statt einer ruhigen Samstagabendschicht als erste Fahrt in diesem Dienst
einen Haufen leidenschaftlicher Radfahrer zu befördern. Aber letztlich haben
sich alle Beteiligten mit ihrem Schicksal abgefunden.
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| Die Räder wurden teilweise übereinander gestapelt. |
In Stettin treffe ich auf die beiden Mathiasse, die
pfiffigerweise schon 2 Stunden eher mit der Bahn gefahren waren. Unter
Polizeischutz geht es um 21:30 Uhr los: ca. 100-150 Radfahrer, hinein in die
Abenddämmerung. Ein bunter Haufen, im wahrsten Sinne des Wortes - sowohl die
Räder als auch die Radler: Lichterketten, Musikboxen, Fahnen, Sticker und
Plakate werden an den rollenden Untersätzen befestigt und die Fahrer: Deutsche,
Polen, Männlein, Weiblein. Die Jüngste höchstens 12, die Älteste sicherlich
über 60.
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| Treffen am Bahnhof Stettin |
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| Vor dem Start - noch lächeln wir alle ganz entspannt |
Ab der Grenze sind wir dann allein (ohne Polizei, aber mit Begleitern des ADFC) unterwegs.
Eine lange, durch die Rücklichter rot leuchtende Raupe, die sich über die
Oderdeiche schlängelt. Ab Kilometer 40 merke ich zum ersten Mal, dass es
anstrengend werden wird, zum Teil sogar sehr anstrengend. Dabei ist nicht so
sehr die Strecke die Schwierigkeit, sondern die Müdigkeit. Die anfangs noch
lebhaften Gespräche sind inzwischen auch im Wesentlichen verstummt und häufig
ist nur das Surren der Räder und das Klackern der Gangschaltungen zu hören,
wenn es kurz hoch oder runter geht. Gelegentlich kommen wir an Häusern vorbei,
wo noch Menschen draußen sitzen und feiern und ungläubig schauen, wenn eine
Kompanie von Radfahrern um diese Uhrzeit an ihren Häusern vorbeifährt.
Stürmisch klingelnd werden sie dann von uns gegrüßt, während die Hunde im Dorf
alles geben, um jeden Radfahrer einzeln anzubellen.
Zwischendurch machen wir natürlich auch Pausen, die immer
wieder gleich ablaufen: Essen, Trinken, kurz im Gebüsch verschwinden,
weiterfahren. Irgendwann in der Nacht machen die polnischen Mitfahrer den nach
ihnen benannten Abgang (zumindest habe ich nicht mitbekommen, wann sie
verschwunden sind) und fahren zurück nach Stettin, dafür treffen wir wieder auf
unsere Truppe, die wir am Bahnhof Angermünde zurück lassen mussten. Das Treten
geht inzwischen automatisch. Nur nicht drüber nachdenken, dann läuft es auch
gut und zudem schiebt uns ein leichter Rückenwind. Wie viele Kilometer wir
schon zurückgelegt haben, weiß ich nicht. Es ist zu dunkel, um die Zahlen auf
dem Tacho zu erkennen.
Ab ca. 2 Uhr lässt sich der erste Lichtstreif am Horizont
erahnen. Bald wird es hell werden und das gibt mir neue Energie! Auch die Vögel
zwitschern schon wieder eifrig. Aus dem schemenhaften Erahnen der Landschaft um
uns herum wird langsam ein deutliches Erkennen. Ja, wir fahren tatsächlich an
der Oder entlang ;-)
Gegen 4:30 Uhr Pause zum Sonnenaufgang. Wunderschön sehen
die Nebelfelder im Morgenrot aus. Wenn man eine Weile so da steht, wird einem
tatsächlich kühl, trotz Fleece- und Regenjacke. Wir sind uns aber auch der
Tatsache bewusst, dass sich dieser Zustand im Laufe des Tages massiv ändern
wird, bei angekündigten 33°C.
Die Pausen werden etwas länger und häufiger, weil wir sehr
gut im Zeitplan liegen. Bisher gab es nur eine Zwangspause wegen eines Platten
mitten in der Nacht im Wald. Aber so etwas sollte man bekanntlich nie denken
und schon gar nicht sagen. Prompt gehen auf der nächsten schlechten
Schotterstrecke 3 Reifen die Luft aus. Einer davon ist der von Mathias, aber
mit Pumpintervallen hält er noch durch bis zum Zwischenstopp in Eberswalde, das
wir schließlich nach gut 120 Kilometern gegen 7:30 Uhr erreichen. Das war das
Minimalziel, was man in der Nacht vor Augen hatte. Hier befindet sich einerseits
der erste Bahnhof für erschöpfte Radler, die in den Zug steigen wollen und
andererseits gibt es im Bahnhofsladen die Möglichkeit, die Energiereserven
aufzufüllen. Ein interessanter Anblick: Am Sonntagmorgen stürmen zig hungrige,
durstige und müde Radfahrer das winzige Lädchen um sich mit Kaffee,
Kaltgetränken, belegten Brötchen, Bockwürsten oder Süßigkeiten zu erfrischen.
Entsprechend lang ist die Schlange an der Kasse, die von dem einen fleißigen
Mitarbeiter mit freundlicher Gelassenheit abgearbeitet wird. Nach Cola, Wasser
und einer Butterbrezel mache ich es wie einige andere auch und lege mich
einfach auf die Steine des Bahnhofsvorplatzes, um für 10 Minuten die Augen zu
schließen. Ob nun Nickerchen, Cola oder Sonnenlicht: Nach der Pause habe ich auf
jeden Fall ziemlich viel neue Energie für den nächsten Streckenabschnitt. Mal
sehen, wie lange das anhält. Wir haben in unserer Dreiergruppe beschlossen, dass wir ab jetzt spontan an jedem Haltepunkt entscheiden, ob wir
noch weiterfahren wollen und können oder nicht, weil wir selber kaum sagen
können, wie weit die eigene Kraft noch reicht. Ab Eberswalde fahren wir nun
wieder mit Polizeibegleitung und durch die neuen Mitradler ist unsere Truppe
auch nochmal gut verstärkt worden.
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| Schiffshebewerk Niederfinow |
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| Die Nacht durchgefahren, die Augen klein - vorm Bahnhof Eberswalde |
In so einer Gruppe Rad zu fahren ist auch
ein ganz anderes Erlebnis als alleine. Wir dürfen die komplette rechte
Fahrbahnseite benutzen und entgegenkommender Verkehr wird von der Polizei
aufgefordert rechts ranzufahren und die Demo abzuwarten. Rote Ampeln
dürfen in Polizeibegleitung einfach überfahren werden. Einzig ein Bahnübergang
spaltet einmal die Gruppe. Hier empfiehlt es sich eben doch anzuhalten, denn
auch Radfahrer wissen, wer im Zweifelsfall der Stärkere ist. So komfortabel es
ist, sich nicht groß um die anderen Verkehrsteilnehmer kümmern zu müssen,
sollte man trotzdem sehr konzentriert bleiben um spontane Brems- und Ausweichmanöver
möglichst zu vermeiden. Manchmal wird man trotzdem dazu gezwungen. Der
Vordermann stürzt oder hat eine Panne und will nach rechts ausweichen. Da heißt
es dann schnell reagieren: Platz machen, mit der einen Hand bremsen, mit der
anderen Hand das Achtungszeichen (ausgestreckte Hand nach oben) nach hinten
durchgeben und dabei möglichst selber nicht vom Rad rutschen :-) Es ist
erstaunlich wie wenig man durch die vielen Radfahrer vor einem ansonsten von
den Hindernissen wie parkenden Autos oder Verkehrsinseln sieht, wenn man nicht
vorgewarnt wird.
Die anderen Verkehrsteilnehmer reagieren unterschiedlich auf
die Radfahrerkolonne, die noch immer jedes wartende Auto und jeden staunenden
Fußgänger mit Winken und Klingelkonzert begrüßt. Einige ergeben sich ihrem
Schicksal und warten mit starrer Miene, bis der bunte Zug vorüber ist, andere
lächeln und grüßen zurück und ein sehr geringer Anteil ist ernsthaft böse und
pöbelt oder versucht sich möglichst schnell und dabei Risiken in Kauf nehmend
an der Masse vorbeizubewegen.
In Biesenthal erwartet uns eine besondere Überraschung.
Nicht nur neue Radler, die sich uns anschließen wollen, sondern außerdem ein
meterlanges Buffet mit Obst, belegten Broten, selbstgebackenem Kuchen und
Keksen sowie Kaffee und Wasser. Also alles, was das Radlerherz begehrt - was
für eine Freude! Und auch, wenn die fleißigen Helfer das hier vermutlich nicht
lesen werden: Vielen, vielen Dank dafür!
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| Zwischenstopp in Biesenthal |
Die nächsten Stationen sind Bernau und Hohenschönhausen. Ab
hier bräuchten wir nur noch ein Berlin ABC-Ticket für die Heimfahrt, aber noch
geben wir nicht auf :-)
Kurz hinter der Landsberger Allee verlassen wir aber den
Tross. Die offizielle Route führt weiter nach Süden und wird dann auf den
Südring der Stadtautobahn geleitet. In den letzten Jahren haben wir aber die
Erfahrung gesammelt, dass den Auffahrten auf die Autobahn meist ein langes
Warten in praller Sonne vorhergeht, ehe die Polizei die Autobahnabschnitte für
die Radfahrer freigibt. Das wollen wir uns diesmal ersparen und fahren über den
Alex gleich Richtung Brandenburger Tor. Aufpassen - jetzt gelten auch wieder
Ampeln und Verkehrszeichen für uns! Der Plan den Menschenmassen der Sternfahrt
durch unsere Streckenänderung zu umgehen, funktioniert auch nur bedingt, denn
am Alex geraten wir in einen anderen Teil der Sternfahrt, den wir aber auch
schnell wieder verlassen.
Einen ganz entscheidenden Vorteil bringt uns die Abkürzung
aber: Zum ersten Mal erleben wir das Umweltfest zwischen Großem Stern und
Brandenburger Tor bevor die ganzen Teilnehmer der Sternfahrt dort eintreffen
und man von den Ständen eh nichts mehr sieht und man für Essen und Getränke ewig
anstehen muss. Nach einer Runde über das Fest und einer kurzen Erfrischung
(Holunderblütenslush, absolut genial bei dem Wetter) machen wir uns, zu müde
für eine Rückfahrt mit dem Rad, auf den Weg zum Bahnhof Friedrichstraße, von wo
aus der Zug nach Potsdam fährt.
Ein Ziel will ich allerdings noch erreichen: Noch nie zuvor
bin ich so eine lange Strecke am Stück mit dem Rad gefahren und nun will ich
unbedingt noch die 200 Kilometermarke knacken. Daher fahre ich noch einen
kleinen Umweg durch Potsdam. Am Ende steht der Kilometerzähler bei 201.
Zu Hause führt der erste Weg unter die Dusche. Es erstaunt
mich, dass sich die Klamotten überhaupt noch von der Haut lösen lassen. Nach
über 24 Stunden in den Fahrradsachen habe ich das Gefühl, Dreck, Staub, Schweiß, Sonnencreme und Kunstfaser bilden eine undurchdringliche Schicht auf dem Körper.
Sauber, gesättigt, unglaublich müde, aber auch sehr
glücklich und stolz falle ich am frühen Abend ins Bett.
Was bleibt ist die Erkenntnis, dass man manchmal mehr
schaffen kann als man denkt, wenn man es einfach versucht, dran bleibt und sich
durchbeißt. Zwischendurch hatte ich nicht nur einmal Zweifel daran, ob ich es
bis Berlin schaffen könnte. Aber dann half es, sich nur auf das nächste
Zwischenziel zu konzentrieren. Bis dahin wird’s ja wohl noch gehen. Außerdem ein
Gemeinschaftsgefühl mit zig Radlern, deren Namen man nicht mal kennt, mit denen
man aber im Laufe einer Nacht ein bisschen zusammengewachsen ist und natürlich
die Vorfreude auf die nächste Fahrad(stern)fahrt!
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| Wir habens's bis zum Brandenburger Tor geschafft! |












Vielen Dank für deinen Bericht! Und die Fotos! Dieser "Fahrradparkplatz" am Deich sieht schon lustig aus... Und nun habe ich eine Vorstellung wie das läuft... Aber sag mal die Zwölfjährige ist nicht bis Berlin gefahren vermutlich? Musstet ihr euch anmelden für die Tour? Übrigens: Wir standen nur ca 10 min an der Autobahnauffahrt Grenzallee. Sie haben diesmal auch die Abfahrt aufgemacht, so dass dann doppelt so viele raufkonnten. Wir waren aber auch recht weit vorn, Kinder lassen schicken sie immer nach vorn (und unter die Brücke!). Sven war, wegen seinem Platten, recht weit hinten, da haben sie dann sogar auf der Autobahn geschoben! Weil es so voll war. Aber Birgit: Eine tolle Leistung!!! Wir hatten ungefähr 20 km auf dem Tacho ;-) Was aber für Lena auch gereicht hat. Übrigens hab ich gesehen, dass es auch eine Tour ab Leipzig, Start 1.30 Uhr gab... So, nun bin ich auf der Arbeit angekommen *ganz liebe grüße von deiner Tine-Biene*
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