Dass bei der Berliner S-Bahn nicht alles nach Plan läuft ist
hinlänglich bekannt. Der Werbespruch des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg „Alles
ist erreichbar“ mutet an wie der Titel einer Komödie. Ich würde stattdessen
vorschlagen: „Expect the unexpected.“ Das verstehen dann wieder einige nicht,
weil es auf Englisch ist, aber zu
verstehen ist die S-Bahn sowieso nicht.
Anmerkung: Um diesen
Blogbeitrag zu verstehen, lohnt es sich, ein Liniennetz der Berliner S-Bahnen
und Regionalzüge vor Augen zu haben.
Mit Beginn meiner Ausbildung habe ich mich darauf
eingelassen, mich voll und ganz den Berliner Verkehrsbetrieben hinzugeben, mit
allem was dazugehört. Mein normaler Arbeitsweg führt vom Potsdamer Hauptbahnhof
mit der S7 bis Westkreuz, dort Umsteigen in die S41bis Schönhauser Allee.
Fahrzeit laut Plan: 47 Minuten. Zurück genau dasselbe in umgekehrter
Reihenfolge. Jeden Tag, bevor ich mich auf den Weg zur Arbeit mache, gucke ich
aber nochmal im Internet, ob irgendwelche Störungen auf der Strecke bekannt
gegeben werden, man weiß ja nie. Daher wusste ich, dass auf einem Teilstück der
S41 zwischen Westkreuz und Schönhauser Allee gebaut wurde und ich meine
Alternativroute über den Hackeschen Markt nehmen musste. (Dauert etwas länger,
aber auch nur einmal Umsteigen.) In der S-Bahn traf ich eine Dame, von der ich
mitbekam, dass sie auch zur Schönhauser Allee fahren wollte. Also erzählte ich
ihr, dass das auf der normalen Strecke nicht geht und wir fuhren gemeinsam über
den Hackeschen Markt, kamen dabei ins Gespräch und haben uns eine ganze Weile
nett unterhalten. Eigentlich bin ich ja nicht der Typ für solche „Reisebekanntschaften“.
In den ganzen 6 Wochen, die ich nun schon häufig auf dieser Strecke unterwegs
bin, war das eigentlich die erste, und ich dachte „Na wie oft wird dir sowas
noch passieren, vielleicht also alle 6 Wochen.“ Ich sollte mich irren.
Kurz bevor ich mich auf den Rückweg machte, hatten meine
Cousine Christine (mit der kleinen Lena) und ich uns ein Treffen in der
Bäckerei meiner Eltern in Potsdam ausgemacht. Christine hatte zu diesem
Zeitpunkt etwas Vorsprung auf der Strecke. Als ich allerdings kurz vor Westkreuz
war, klingelte mein Handy: Christine teilte mir mit, dass auf der Strecke
zwischen Westkreuz und Potsdam keine Züge fuhren aufgrund eines
Rechnerabsturzes, einer Stellwerkstörung oder was auch immer. Ich trat in
Westkreuz auf den Bahnhof und sah stehende, leere S-Bahnen, Dieser-Zug-endet-hier-Anzeigen
und sehr viele ratlose Menschen. Nun wurde es Zeit für einen Plan B. Dieser
bestand für mich darin, zum Bahnhof Zoo zu fahren und zu gucken, ob man mit dem
Regionalzug weiterkommt. In diesem Gewühle machte ich meine zweite
Reisebekanntschaft an diesem Tag: Eine Dame, die aus Frankfurt (Main) kam und
ihre Verwandtschaft in Potsdam besuchen wollte, wusste nun von Westkreuz aus
auch nicht weiter. Ich teilte ihr meine Alternativroute mit und sie folgte mir,
wohl in der Annahme, dass ich mich zumindest besser auskennen würde, als sie.
Vom Zoo aus fuhren aber auch keine Regionalzüge nach Potsdam Hauptbahnhof, denn
auf der Regio-Strecke wird seit ca. einem Jahr gebaut. Als Alternative soll man
die S-Bahn benutzen. Ha Ha. Immerhin fuhr Regio nach Golm und ich dachte: „Gut,
Golm ist auf jeden Fall schon mal die richtige Stadt und deutlich dichter dran
am Ziel.“ Also ab nach Golm, von dort aus würden wir schon irgendwie weiter kommen.
Der Zug fuhr nun außen an Westberlin vorbei, ich konnte mehr oder weniger
einmal meinem Zuhause winken und nach gut einer halben Stunde waren wir in
Golm. Von dort bestanden nun rein theoretisch die Möglichkeiten mit dem Bus
oder mit dem Zug nach Potsdam Hbf zu fahren. Da die Anzeigen am Bus jedoch den
Text einblendeten: „Aufgrund einer Vollsperrung nach einem Verkehrsunfall auf
der B2 kommt es zu Verspätungen und Ausfällen im Busverkehr.“ entschieden wir
uns praktischerweise für den Zug, der dann mit einer Viertelstunde Verspätung
auch tatsächlich eintraf und uns ganz gemütlich zum Hauptbahnhof gondelte. Dort
verabschiedete ich mich von meiner Reisebekanntschaft, die mir furchtbar
dankbar war, dass ich sie irgendwie nach Potsdam geleitet hatte. Ich stieg auf
mein Rad und fuhr erwartungsvoll zur Bäckerei. Ob meine Cousine inzwischen
angekommen war? Oder war ich der Igel und konnte rufen: „Ich bin schon da“,
wenn sie den Kopf zur Tür hereinstreckte?
Was währenddessen geschah (nach Erzählungen aus erster
Hand):
Bis Nikolassee waren Christine und Lena immerhin gekommen,
damit waren sie mir eigentlich ein Stück voraus. Nun ging es aber auch für sie
nicht mehr weiter und ein Bus sollte zunächst bis Wannsee fahren. Da die Suche
nach der Bushaltestelle aber nicht von Erfolg gekrönt war, lief Tine bis zur
nächsten Haltestelle nach Wannsee, um dort zu erfahren, dass man mit dem 118er
Bus bis zum Sterncenter fahren konnte. Wie bei mir galt: Immerhin die richtige
Stadt und ein Stückchen näher am Ziel. Doch bekanntermaßen fasst so ein Bus
deutlich weniger Fahrgastkapazitäten als eine S-Bahn, entsprechend voll war der
Bus. Irgendwann gab es „ein ziemlich lautes, ungewöhnliches Geräusch.
Der Busfahrer hielt an, stieg aus, lief einmal um den Bus, stieg wieder ein und
fuhr weiter.“ Als dann an der nächsten Haltestelle noch jemand zusteigen
wollte, sprang der Bus nach dem Halt
nicht mehr an und der Busfahrer forderte alle Fahrgäste auf, den Bus zu
verlassen. Da Tine aber mit Lena im Kinderwagen unterwegs war, war sie eine der
letzten, die aussteigen konnten. Als nur noch die beiden, eine andere Mutter
mit Kind und noch jemand im Bus waren, schlossen sich plötzlich die Bustüren,
der Busfahrer fuhr los und beendete seine Fahrt auf der regulären Strecke, nur
mit den paar Personen im Bus, während die übrigen Fahrgäste zusahen, wie ihnen
der Bus vor der Nase wegfuhr. Manchmal möchte man wirklich wissen, was die
Hintergründe zu einigen Geschehnissen sind, die man so erlebt…
Erstaunlich problemlos (zumindest für die Verhältnisse am
heutigen Tage) konnten Tine und Lena den letzten Teil ihres Weges vom
Sterncenter bis zur Bäckerei in der Straßenbahn zurücklegen und nach ca.
3Stunden hatten sie die Strecke von Tempelhof bis zur Potsdamer Innenstadt auch
schon bewältigt.
Sie waren ca. 5 Minuten später an der Bäckerei als ich, aber das war eigentlich auch nebensächlich. Dieser Tag hat wieder einmal gezeigt, welche Freude und Abwechslung die öffentlichen Verkehrsmittel mit sich bringen. Wie gesagt: „Expect the unexpected“ Schließlich hatten wir hier in Berlin auch schonmal Meldungen, dass Züge nicht fahren konnten wegen eines Kühlschranks im Gleis. Wer den da wohl vergessen hat… (ist kein Scherz, siehe http://www.tagesspiegel.de/berlin/verkehr/strecke-gesperrt-kuehlschrank-im-gleis-legt-s-bahn-lahm/3955394.html!!!)
Sie waren ca. 5 Minuten später an der Bäckerei als ich, aber das war eigentlich auch nebensächlich. Dieser Tag hat wieder einmal gezeigt, welche Freude und Abwechslung die öffentlichen Verkehrsmittel mit sich bringen. Wie gesagt: „Expect the unexpected“ Schließlich hatten wir hier in Berlin auch schonmal Meldungen, dass Züge nicht fahren konnten wegen eines Kühlschranks im Gleis. Wer den da wohl vergessen hat… (ist kein Scherz, siehe http://www.tagesspiegel.de/berlin/verkehr/strecke-gesperrt-kuehlschrank-im-gleis-legt-s-bahn-lahm/3955394.html!!!)
Nun gut, ich bin einfach nur gespannt, was passiert, wenn
sich diesen Winter tatsächlich mal wieder eine Schneeflocke quer auf die Gleise
legen sollte. Frei nach dem Motto: Was sind die 4 Feinde des Berliner
Nahverkehrs?
Frühling, Sommer, Herbst und Winter.
Ach ein Glück das ich in Dresden meine Strßenbahn ab... Die fahren einfach so oft, dass man garnichts reinwerfen kann... Und auch das Rechnersystem läuft bei uns stabil... Gibt hier so gut wie keine Ausfälle :D
AntwortenLöschenAlso ich weiß ja auch nicht, was ihr mit eurer armen SBahne und BVG macht, unser ÖPNV fährt ohne zu murren und im Notfall geht man eben zu Fuß oder nimmts Fahrrad. vielleicht solltest du das auch mal versuchen.
AntwortenLöschenLG Uli
Also erst mal: Ich freue mich, dass Du Deinen Blog weiterführst. Hatte da echt drauf gehofft.Denn schließlich beömmel ich mich imer, weil Du so einen witzigen Schreibstil hast.
AntwortenLöschenJa ja, der Berliner Nahverkehr. Da bekommt man doch wenigstens was von seiner Umgebung zu sehen.
Übrigens - in drei Stunden hat man schon die Hälfte der Strecke München-Berlin mit dem ICE geschafft...
@ Tobi und Uli: Freut euch, dass ihr beiden in Städten wohnt, in denen der ÖPNV einigermaßen funktioniert. Aber vielleicht kommt ihr ja auch nochmal zurück nach Berlin... Anscheinend wird das die nächsten Jahre auch noch so weitergehen, denn neulich wurde erst im Radio gesagt, dass jetzt schon bekannt ist, dass es ab 2015 zu wenig S-Bahn-Züge geben wird.
AntwortenLöschen@ Uli: Mein Fahrrad hab ich ja immer am Potsdamer Hauptbahnhof stehen. Die komplette Strecke wären knapp 35 km mit dem Rad. Das ist mir für eine nächtliche Radelei dann doch etwas weit.
@ Katrin: Ja, man trainiert auch seine sogenannten Softskills, z.B. flexibles Reagieren auf unerwartete Reaktionen. Manchmal frage ich mich, ob man das bei "besondere Fähigkeiten" im Lebenslauf angeben kann.
nachdem ich nun unsere Erlebnisse so gelesen hab, reihe ich mich mal in die Familienreihe der Kommentatoren ein :-) (*schönen gruß an alle meine Vor-Schreiberlinge* ich hab nur nicht so viel Zeit und komm daher erst jetzt zum Lesen)
AntwortenLöschenIch will mal noch Kleinigkeiten ergänzen zu meinen Erlebnisse (also wirklich direkt aus erster Hand):
In Nikolassee waren ja immerhin Lautsprecher-Ansagen, dass die Fahrgäste Richtung Berlin mit der S1 fahren sollen und die Fahrgäste Richtung Potsdam eben mit dem Bus nach Wannsee und von da fahren dann Regionalbahnen. In Wannsee angekommen, ging ich also siegessicher auf den Regionalbahnsteig trotz aller mir Entgegenkommenden ("hier fährt nichts"). Nun, dort wurde ich ja dann auch enttäuscht und eine DB-Mitarbeiterin (ja, es gibt sie, ich habe sie wirklich gesehen!!! wahrscheinlich war das eigentlich eine Schaffnerin deren Zug eben nicht weiterfuhr) sagte eben dass wir mit dem Bus zum Sterncenter und dann mit dem X1-Bus zum Hauptbahnhof. Da ich ja aber mittlerweile so ein tolles Handy hab, was zwar theoretisch auch Internet kann aber ein winziges Display (weil nämlich auch noch richtige Tasten wie eben ein normales Handy) aber das beste ist eben der DB-Navigator mit dem man sich ÖPNV-Routen suchen lassen kann, hab ich das mal befragt und hab mich dann für die Variante mit der Straßenbahn entschieden.
Soweit meine Ergänzungen. Es sei noch dazu gesagt, dass ich ja alles mit Kinderwagen erlebt hab, was es nicht unbedingt einfacher macht (Aufzüge suchen, Platzbedarf im Bus, Ein- und Aussteigen bei den alten Tatra-Bahnen,....). Aber zum Glück ging der Rückweg von Potsdam recht reibungslos (da mussten wir nur irgendwo einmal unplanmäßig raus aus der S-Bahn und auf der gegenüberliegenden Bahnsteigseite rein in die S-Bahn), da hatte ich ja nun noch eine recht große Baby-Badewanne dabei....
Aber ich sollte wohl nicht mehr nach Potsdam fahren, als ich nämlich am letzten Mo dorthin wollte (also nur bis in die Steinstr Griebnitzsee, meine Ministeriums-Kollegen besuchen), da bin ich über Westkreuz (sollte das schnellste sein) und habe dort dann 25min auf die S7 gewartet, die eigentlich ja alle 10min fahren soll.....
*in diesem Sinne*